Selbstorganisation

Selbstorganisation ist kein Laisser-faire!

Über die Mythen des Loslassens, Vertrauens und der gemanagten Selbstorganisation.

Peter PröllApril 20252 Min. LesezeitLektorat: Anke Schaffrek

Selbstorganisation ist das Thema in der Organisationsentwicklung, zu dem es die meisten Missverständnisse gibt. Dabei rangieren diese von der Notwendigkeit des „Loslassens“ der Vorgabe und des nötigen „Vertrauens“ bis hin zu den Behauptungen, dass Selbstorganisation ohne Management gar nicht funktionieren kann. Auf beide Extreme gehe ich in diesem Artikel ein.

Der Mythos und die Verwechslung

Der Irrtum, Selbstorganisation habe etwas mit Loslassen und Vertrauen zu tun, beruht auf einer fatalen Verwechslung. Selbstorganisation wird zumeist als die Abwesenheit von Vorgabe und Fremdsteuerung beschrieben. Das ist zum Einen eine höchst unvollständige Beschreibung. Zum Anderen wird ein soziologisches und systemisches Problem (das selbstorganisierte Team) auf ein Individuum (den bisherigen Teamlead) projiziert, um folglich dann mit Mitteln der Persönlichkeitsentwicklung zu operieren: Loslassen und Vertrauen solle bei der bisherigen Führungskraft entwickelt werden. Diese Verwechslung eines persönlichen mit einem systemischen Problem zielt direkt an der Sache vorbei. Mein Deutschlehrer hätte gesagt: Thema verfehlt, setzen, 6!

Die häufigste Ursache gescheiterter Selbstorganisation liegt in der Verwechslung von systemischen und persönlichen Problemen.

Die Folgen

Dieser falsche Fokus – das Herumbasteln an Führungskräften und das Nicht-Eingehen auf die soziologischen Aspekte von Selbststeuerung in Teams – führt zu erheblichen Dysfunktionen. Entweder es kommt in solchen Teams unter Abwesenheit von Vorgabe zu Verwirrung und Unklarheit – oft dadurch befeuert, dass das „Loslassen“ nicht gelingt und die Signale ins Team reichlich zweideutig sind. Das führt in der Konsequenz zu Passivität im Team. Oder es mangelt durch die nicht beachteten soziologischen Aspekte an Koordination in Teams und zwischen ihnen: Jedermensch beschäftigt sich mit dem, was glücklich macht und was gefällt. Dieses Ponyhof-Feeling führt jedoch nicht zuverlässig zu Wertschöpfung und zur Wirtschaftlichkeit.

Die Schlussfolgerung, dass Selbstorganisation ohne Management eben nicht funktioniert, führt genauso in die Irre, wie die, dass Loslassen und Vertrauen ihre Grundlagen seien.

Kein Laisser-faire, sondern gekonnte Systemarbeit

Um in einen selbstorganisierten, sich selbst steuernden Rahmen zu kommen, braucht es kein Loslassen und kein Vertrauen. Mit Persönlichkeitsentwicklung hat Selbstorganisation in Teams wenig zu tun. Vielmehr benötigt es das Verstehen, unter welchen Bedingungen Selbstorganisation entsteht und es benötigt Arbeit und Aufmerksamkeit, diese Bedingungen aktiv herzustellen und zu erhalten.

Selbstorganisation ist kein Laisser-faire, sondern aktive Systemarbeit, die gekonnt sein will.

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